Drei Wochen lang habe ich diesen Sommer den Norden Europas im Zug erkundet. Mit Sack und Pack habe ich mich aufgemacht in ein Leben unter Fremden.

Teil 2 – Göteborg & Trondheim

Nach vier sonnigen Tagen in Stockholm und fast ebenso vielen durchtanzten Nächten auf den Balkons der ehemaligen Kunstakademie – die nachts vom Club F12 vereinnahmt werden – verabschieden wir uns von den unzähligen freilebenden Hasen im Norra-Bantorget-Park. Mit dem Mietauto fahren wir los in Richtung der zweitgrössten Stadt, Göteborg. Bei einem Halt im Industriezentrum Norrköping beginnen wir bereits, die vielseitige Küche der Hauptstadt zu vermissen. Ab jetzt und für den Rest unserer Zeit in Schweden befinden wir uns im Burgergebiet. Nach dem Essen saugen wir ein letztes Mal Ostseeluft ein, dann machen wir uns auf in Richtung Westen.

Für die nächsten Stunden besteht die Welt aus dem Gold der Felder, dem Grün der Wälder und dem Blau der Seen. Dann ist es soweit und die Nordsee erstreckt sich vor uns. Erkältungshalber verzichte ich auf ein Bad und tauche stattdessen nur kurz meine Hand ein, bevor es weiter geht zu unserem eigentlichen Zielort.

Für die nächsten Stunden besteht die Welt aus dem Gold der Felder, dem Grün der Wälder und dem Blau der Seen.

Fika, Sauna & Wolkenbruch

Göteborg begrüsst uns mit einem doppelten Regenbogen. Niederschlag scheint hier dazu zu gehören, wie uns der Schirmverkauf-Stand im Hostel verrät. Das bestätigen uns auch die drei jungen Göteburger, welche wir später kiffend auf der Gasse antreffen. Das Wetter wechsle hier im Halbstundentakt. Vor meinen weiteren Reiseplänen warnen sie mich: Norwegen sei teuer und versnobt – «das Ölgeld», erklären sie uns. Es ist nicht erste Mal, dass wir das hören. Norwegen scheint für Schweden der Nachbar zu sein, den man einmal ganz gerne mochte, bevor er im Lotto gewonnen hat.

Nach drei Tagen in Göteborg, die wir mehrheitlich in der öffentlichen Sauna im Stadtteil Frihamnen und mit Fika (dem traditionellen nachmittäglichen Zusammensitzen zu Kaffee und Kuchen) verbringen, ist es soweit. Ich verabschiede mich von meinem Mitbewohner, der weiter nach England fliegt, und besteige den Zug zum nördlichsten Punkt meiner Reise: Trondheim.

Auf in den hohen Norden

Die Fahrt beginnt mit mehreren Zugsausfällen. «Vertrauen sie mir, heute ist das totale Chaos», sagt mir ein schwedischer Bahnangestellter und ich tue gezwungenermassen, was er sagt, obwohl seine Worte wenig vertrauenseinflössend sind. Schliesslich schaffe ich es doch nach Norwegen und es dauert nicht lange, bis ich vom Zugfenster aus einen Elch durch die surreal schöne Landschaft streifen sehe. Auch das Urteil der Schweden über ihren nördlichen Nachbarn wird mir bestätigt. Erstens bezahle ich für norwegisches Wasser doppelt so viel wie in Stockholm, zweitens beginnt die Verkäuferin gleich ein Schwätzchen darüber, woher ich komme und was mich hier in den hohen Norden verschlägt. Nach einer Woche mit den introvertierten Schweden bin ich überrumpelt ob dieser Offenheit und freue mich nun umso mehr auf die kommenden Tage.

Im Reich der Studierenden

Nach fünfzehn Stunden Fahrt, gerade als Jack Denver verlässt und nach San Francisco weiterzieht, komme ich in Trondheim an. Unwillkürlich frage ich mich, ob ich in einer alternativen Realität gelandet bin, in der es immer hell ist und die Welt von Mittzwanzigern beherrscht wird. Beim Laufen durch die Stadt klingt es, als würde hinter jedem der halb geöffneten Fenster eine Party stattfinden. Später in der Bar Circus, einem Rockschuppen, der durch bezahlbares Bier besticht, erzählen mir die Südnorweger Mads und Ida, dass ein Fünftel der Stadtbewohner Studierende sind.

Unwillkürlich frage ich mich, ob ich in einer alternativen Realität gelandet bin, in der es immer hell ist und die Welt von Mittzwanzigern beherrscht wird.

Sie erklären mir ausserdem, dass Norweger sehr kontaktscheu seien, wenn sie nichts getrunken hätten. Tatsächlich begegne ich den ganzen Abend über keiner Person, die nicht sofort ein Gespräch mit mir beginnt – das billige Bier scheint seine Wirkung also zu tun. Ausserdem bekomme ich bestätigt, was ich bereits geahnt habe: Die Studis haben ihr eigenes, nicht öffentliches Ausgehviertel. Mein Urteil über Trondheim festigt sich: Als Reisender bleibt man etwas aussen vor, aber wer länger hier verweilt, dem dürfte sich die Stadt recht schnell öffnen.

Nach drei Tagen, in denen ich vergeblich versuche, meinen anhaltenden Husten mit der kühlen Nordluft (und meiner unerklärlicherweise noch kühleren Zimmerwand) anzufreunden, freue ich mich nun auf die norwegische Hauptstadt. Frühmorgens verlasse ich den eiskalten Trondheimfjord und mache mich auf in Richtung Oslofjord.