Ressortleiter Dominic Bleisch über den faden Beigeschmack nach dem Entscheid des Kantons, die ZHAW nun nicht wie vorgesehen grösstenteils ins Winterthurer Sulzer-Areal umzusiedeln.

Eigentlich ist es ja jedem klar: Wenn Bund, Kantone oder Gemeinden ein Infrastrukturprojekt realisieren, dauert das meistens lange. Und nicht selten dauert ein Bau wegen Einsprachen oder anderer Probleme noch länger als geplant. Das war schon bei Autobahnausbauten oder anderen gross angekündigten Gebäuden so. Doch das neuste Kapitel, das der Kanton Zürich als Schirmherr der ZHAW derzeit schreibt, spielt in einer eigenen Liga. Nicht wegen aus dem Ruder laufender Kosten, sondern wegen der Entstehungsgeschichte bis hin zum Drücken des Reset-Knopfs.

«Wir können auch rechnen»

Um dies zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit: 2012 präsentierte der Kanton einen 800 Millionen teuren Ausbauplan, um der chronischen Platznot an den ZHAW-Departementen in Winterthur Herr zu werden. Darin enthalten war auch ein Umzug einiger Departemente und dem Rektorat in ein neues und zeitgemässes Gebäude im Sulzer-Areal. Dies hätte auch den Mitarbeitenden und Studierenden an den anderen Standorten genutzt, da sie in unmittelbarer Nähe zusätzliche Räume hätten «erben» können (den Bericht dazu findest du hier).

So schön diese Vision eines zeitgemässen Lernens und Arbeitens in den letzten fünf Jahren für viele Angehörige der ZHAW auch klang: Sie ist spätestens Anfang Dezember 2017 wie eine Seifenblase zerplatzt. Gemunkelt wurde es hinter den Kulissen schon lange, doch spätestens dann war offiziell klar, dass dem Kanton der geplante Umzug ins Sulzer-Areal zu heiss geworden war. Primär verantwortlich ist der Schirmherr dafür selber: Ursprünglich beabsichtigten die Verantwortlichen im Jahr 2012, die benötigten Räume nur zu mieten. «Wir können auch rechnen», sagte damals Baudirektor Markus Kägi – und erklärte, dass diese Variante die bessere, sprich günstigere Option sei.

Noch kein Plan B

Dass Mieten langfristig finanziell die schlechtere Option ist, scheint nun auch der Kanton fünf Jahre später begriffen zu haben. Die Verantwortlichen sistierten das Projekt aus Kostengründen und stiessen damit nicht wenige vor den Kopf: Neben der Stadt Winterthur und der Bauherrin Implenia – die nun ihr Projekt redimensionieren oder rasch neue Hauptmieter suchen muss – sind dies vor allem die Mitarbeitenden und Studierenden der ZHAW. Sie warten seit Jahren auf mehr Platz fürs Lernen und Arbeiten – doch daraus wird vorerst nichts. Denn das plötzliche Umdenken der Verantwortlichen beim Kanton hat für sie mehr als nur einen faden Beigeschmack: Nach dem Schlamassel liegt noch kein Plan B vor, der das Problem lösen oder zumindest entschärfen könnte.

Die ZHAW betont zwar diplomatisch, sie gehe davon aus, dass der Kanton ihr auch in der Zukunft «jene räumlichen Ressourcen zur Verfügung stellt, die für zeitgemässe Lehre, Forschung und Weiterbildung benötigt werden». Ob das beim prognostizierten Studierendenwachstum aber auch in fünf oder zehn Jahren noch möglich ist, scheint fraglich. Denn erfahrungsgemäss dauert es meistens lange, bis die öffentliche Hand auf eine steigende Nachfrage reagiert und ein Projekt tatsächlich realisiert. Und besonders nach dem Drücken des Reset-Knopfs wird sich der Kanton Zürich davor hüten, einen Schnellschuss ohne solide Grundlage zu lancieren.

Die Studierenden und Mitarbeitenden der ZHAW dürften sich also derzeit zurecht veräppelt vorkommen, nachdem sich der Kanton vor fünf Jahren verkalkuliert beziehungsweise bei den Kosten schlicht verzockt hat.

 

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Titelbild/Porträtillustration: Monika Federer / fraufederer.ch