Illegale Drogen fordern jährliche mehrere hunderttausend Drogentote, fördern die Kriminalität und führen zur Stigmatisierung der Abhängigen. Mit dem Verbot von Drogen verbessert sich die Situation jedoch nicht. Nüchtern betrachtet hat eine Legalisierung von Drogen mehr Vor- als Nachteile.

Im Jahr 2015 hat eine Viertelmilliarde Menschen illegal Drogen konsumiert. Dies geht aus dem «World Drug Report 2016» der UNO hervor. In der Schweiz alleine waren es 600’000 Personen. Weltweit spritzen sich elf Millionen Menschen eine Droge, eineinhalb Millionen davon waren mit HIV infiziert. Jedes Jahr sterben schätzungsweise 200’000 Menschen an den Folgen von Drogenkonsum (Tabak und Alkohol ausgenommen). Dass Drogen verboten sind, scheint bei diesen Zahlen völlig einleuchtend zu sein.

Die Schweiz hat eine bewegte Vergangenheit, wenn es um Drogen geht. Jeder kennt die Bilder und Geschichten vom Platzspitz in den 90er-Jahren. Besiegt hat man die Heroin-Epidemie vor allem mit einer restriktiven Drogenpolitik der Stadtpolizei und mit Zugeständnissen an die Abhängigen. Man erkannte, dass die Sucht eine Krankheit ist und bot den Fixern saubere Spritzen, Heroinabgabestellen sowie verbesserte Therapien an. Um die Jahrtausendwende wähnte man sich in Zürich schon fast in Amsterdam, als man sogenannte Duftsäckchen in den eigens dafür eröffneten Hanfläden kaufen konnte. Danach ging es allerdings steil bergab mit der Legalisierungs- Romantik. Hanfläden wurden geschlossen und die Polizei wurde restriktiver im Umgang mit Dealern und Konsumenten. 2008 wurde eine Initiative zur Legalisierung von Cannabis 63 Prozent vom Volk abgelehnt.


Warum sind Drogen
illegal?

Verboten wurden Cannabis und andere illegale Substanzen, weil man ihnen nachsagt, gefährlich für Körper und Geist zu sein. Man wollte den Bürger vor sich selbst schützenund ihn durch Verbote daran hindern, sich selbst zu schaden. Staatliche Fürsorge sozusagen. Nur mässig funktioniert dies, weil die Nachfrage nicht einfach verschwindet, weil etwas illegal ist. Man könnte gar diskutieren, ob Verbote nicht die Rebellionsfreude in Jugendlichen wecken, so dass sie erst recht illegale Substanzen probieren. Fakt ist: Drogen werden in allen Gesellschaftsschichten konsumiert. Und bekanntlich entsteht laut grundlegenden wirtschaftlichen Thesen überall dort ein Markt, wo auch eine Nachfrage ist. Die Illegalität fördert also hauptsächlich die Kriminalität. Dies nicht nur bei Leuten, die Drogen verkaufen, sondern auch bei den sozial Schwächeren, die durch ihren Konsumzwang in die Beschaffungskriminalität gedrängt werden. Letztere haben zudem mehrfach zu leiden: Neben der Kriminalisierung werden sie auch stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen.


Fehlendes Wissen in der Gesellschaft

Die Schweiz, die sich laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) selbst als Vorreiterin der internationalen Drogenpolitik sieht, investiert etwa zwei Drittel der Gelder, die im Zusammenhang mit Drogen ausgegeben wurden, in die Repression. Lediglich drei Prozent fliessen in die Prävention. Dementsprechend gering ist der Wissensstand über Drogen in der Gesellschaft. An den Schulen findet Drogenprävention zwar statt, viel mehr als den Kindern Angst vor herumliegenden Spritzen zu machen passiert allerdings nicht. Welches Kind weiss nach der Sekundarschule schon, woher Kokain oder LSD kommt und was es mit einem anstellt (ganz davon abgesehen, dass es den meisten Erwachsenen nicht anders geht)? Das Wissen beschränkt sich auf popkulturelle Mythen, Gerüchte und Informationen mit variierender Qualität aus dem Internet. Dabei sollte genau hier die Prävention beginnen.

Die Tabuisierung von bewusstseinserweiternden Substanzen, die sich seit ihrem Verbot wie ein erstickendes Tuch über das Thema legt, hat aus unserer Gesellschaft eine Horde von Nichtswissern gemacht. Selten hört man so viele Un- und Halbwahrheiten, als wenn man über Drogen spricht: «Drogen machen bereits beim ersten Mal probieren abhängig», «auf LSD bleiben viele Leute hängen» und «Pilze lösen Psychosen aus» sind nur einige Vorurteile. Dabei haben viele dieser Substanzen auch gute Eigenschaften. Die meisten modernen Drogen stammen von Pflanzen, welche seit Jahrtausenden zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden. Insbesondere Psilocybinpilze, Meskalinkakteen, DMT-haltige Pflanzen und LSD-ähnliche Stoffe waren und sind fester Bestandteil religiöser Rituale. Diese Psychotropika waren auch Gegenstand tausender medizinischer Studien, bevor sie in den 60ern und 70ern verboten wurden. Die Forschung wurde eingestellt, Wissenschaftler hinken hinterher.Weltweites Umdenken

Eine Ausnahme bildet der Solothurner Peter Gasser: Er ist Psychiater und ein Pionier im therapeutischen Einsatz von Drogen. Als erster Arzt weltweit hat er die Erlaubnis erhalten, seine Patienten mit LSD zu behandeln. Er braucht es unter anderem, um schwerkranken Personen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Bereits 1994 schrieb er in einem Newsletter der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS): «Die Existenz solcher Substanzen kann nicht einfach ignoriert werden. Deshalb erscheint es mir sinnvoller, die potenziellen Vorteile und auch die Risiken zu untersuchen, anstatt solche Forschungen zu unterbinden.»

In den letzten Jahren kamen weitere gewichtige Stimmen dazu, die eine Legalisierung fordern: Dr. Monica Beg, Wissenschaftlerin am UNBüro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), verfasste im Jahr 2015 einen Artikel, in dem sie eine komplette Drogenlegalisierung forderte. Sie argumentierte, dass der kriminelle Habitus,der dem Gebrauch von Drogen aus nicht-medizinischen Gründen anhaftet, zu negativen Konsequenzen für Gesundheit, Sicherheit und Menschenrechte beitrage. Auf den Protest mindestens eines Teilnehmerlandes hin wurde das Dokument nicht präsentiert. Letztes Jahr sprach sich Kofi Annan, ehemaliger UN-Generalsekretär, ebenfalls für eine Drogenlegalisierung aus. Dem «Spiegel» gegenüber sagte er: «Ich glaube, dass Drogen viele Menschenleben zerstört haben – aber falsche Massnahmen seitens der Regierungen haben noch viel mehr Elend angerichtet». Auch die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreyfuss hat sich nach ihrer Abwahl dem Drogenproblem verschrieben. Sie setzt sich aktiv für eine Legalisierung, eine kontrollierte Abgabe sowie eine bessere Prävention ein.


Der nüchterne Blick fehlt

Während die Wissenschaft und einige andere Akteure, die sich vertieft mit dem Thema auskennen, schon seit geraumer Zeit erkannt haben, dass die Drogenpolitik der meisten Staaten den gesellschaftlichen Realitäten nur unzureichend Rechnung trägt, befindet sich die Allgemeinheit immer noch im ideologisch gefärbten Diskussionssumpf. Dabei wird über Selbstbestimmungs-recht und Fürsorgepflicht diskutiert. Wissenschaftliche Fakten werden nur selten miteinbezogen. Vor allem konservative Politiker hüten sich davor, eine Legalisierung zu fordern. Es gibt mittlerweile positive Beispiele wie Portugal oder Uruguay, die auf gutem Weg hin zu einer kompletten Freigabe von Drogen sind, diese bilden aber immer noch die Ausnahme. Die Hanf-Legalisierungswelle in den USA ist ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn dort hauptsächlich aus wirtschaftlichem Interesse gehandelt wird.

Neben den ökonomischen Vorteilen eines legalen Marktes, die eine Freigabe mit sich bringt, hätte ein Richtungswechsel hin zu einer liberaleren Drogenpolitik auch andere positive Auswirkungen auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Würde man all das Geld, das momentan in die Repression gesteckt wird, in die Prävention, Behandlung und gesundheitliche Absicherung investieren, könnte man das zuvor erwähnte Wissensloch schliessen und das Drogenproblem effizient bekämpfen. Man käme weg von der Verteufelung und hin zu einer konstruktiven, faktenbasierten Meinung über Drogen. Ebenfalls würde man die Kriminalität eindämmen, die vor allem in Mexiko und anderen Staaten Südamerikas zu Hunderttausenden von Toten führt.

Dazu braucht es einen Wandel in der Gesellschaft. Man darf Drogen nicht mehr als Bedrohung für die bürgerliche Gesellschaft ansehen, sondern muss sie durch gezielte Massnahmen, unter Rücksicht all ihrer Eigenschaften, Gefahren und Vorteilen, der breiten Masse Schritt für Schritt vertraut machen. Wir müssen realisieren, dass Drogen seit jeher zu unserer Gesellschaft gehören und sie dementsprechend behandeln. Die Politik ist gefragt. Ein erster Schritt auf dem Weg ist in Vorbereitung: Der Verein «Legalize It» bereitet gerade eine weitere Initiative vor, um in der Schweiz Cannabis zu legalisieren. Bis zur vollständigen Selbstbestimmung über unser Bewusstsein ist es aber noch ein weiter Weg.