Unsere Generation hat hohe Erwartungen – an das Leben, die Liebe, die Mitmenschen und die eigene Leistung. Ständig sind wir auf der Jagd nach dem nächsten Highlight in unserem Leben und verpassen dabei die kleinen Freuden auf dem Weg. Wird das zum Dauerzustand, hat dies Auswirkungen auf unser Leben und auf unsere Gesundheit.

Sie sind der Feind jeder guten Stimmung, der Killer jeglicher Vorfreude und «Im-Keim-Ersticker» potenzieller Romantik: Erwartungen. Ein kleines Wort mit grossen Auswirkungen. Denn sie sind zur Selbstverständlichkeit geworden, koexistieren neben uns und sorgen manchmal auch für die nötige Selbstdisziplin. Doch mindestens genauso oft sind sie schuld an unserer schlechten Laune, setzen uns unter Druck – und machen uns auf Dauer unglücklich.

Rational gesehen sind Erwartungen Einstellungen des Menschen, die sich auf konkrete oder unkonkrete Zielvorstellungen beziehen. In gewisser Weise sind sie also vorwegnehmende Reaktionen auf Ereignisse, Denk- und Handlungsmuster. Erwartungen schweben ständig um uns herum und bestimmen das Verhalten und Erleben. Kurz gesagt: Es sind Dinge, die erwartet, gewollt, gewünscht, erhofft oder vermutet werden. Ziemlich harmlos also? Eben nicht. Denn genau hier liegt bereits das erste Problem. Unsere Erwartungen sind oft selbstverständlich. «Das ist doch wohl nicht zu viel erwartet?», ist nur einer von vielen solchen Ausdrücken, mit denen wir jeden Tag unbewusst unsere Haltung gegenüber unserem Umfeld deutlich machen. Wir leben gewissermassen ständig in einem Schwebezustand, kreiert von Erwartungen – wie die nächste Prüfung wird, wie das perfekte Date ablaufen soll und wie die beste Freundin auf eine freudige Nachricht zu reagieren hat. Tritt dies nicht ein, sind wir enttäuscht.

Wir werden blind vor lauter Highlights

In der heutigen Zeit scheinen wir gar dazu angespornt zu werden, hohe Erwartungen zu haben. Das verwundert eigentlich nicht, haben sie doch durchaus auch einen positiven Effekt auf uns. Wer hohe Erwartungen an sich hat, ist stets bemüht, diese zu erfüllen und gilt oft als zielstrebig und diszipliniert. Bis zu einem gewissen Punkt mag das auch der Grund sein, weshalb einige Leute besonders erfolgreich sind und das bekommen, was sie möchten. Das kann jedoch schnell ins Negative kippen. Denn unsere Generation hat hohe Erwartungen – an das Leben, die Liebe, die Mitmenschen und die eigene Leistung. Wir möchten am liebsten an allem teilnehmen, «auf jeder Hochzeit gleichzeitig tanzen».

Genau diese Erwartungshaltung setzt uns unter Druck und ist ein weiterer unerwünschter Nebeneffekt der ewigen Suche nach noch mehr Highlights. Denn wer ständig hohe Erwartungen hat, wird schnell enttäuscht. Die Highlights werden dann zu «Lowlights». Wir sind so damit beschäftigt, den Highlights nachzujagen, dass wir die ganzen kleinen Dinge und Errungenschaften auf dem Weg zum nächsten Höhepunkt in unserem Leben nicht sehen. Man kann so weit gehen zu sagen, dass wir in gewissem Masse abstumpfen, immun werden gegen die kleinen Freuden im Leben.

Erwartungen sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Die Psychologie kennt das Phänomen mit den hohen Erwartungen schon lange. Das gegenwärtige Problem ist nämlich oft nicht wirklich entscheidend, sondern vielmehr die Erwartung, wie es sich in Zukunft entwickeln wird. Der Streit mit dem Partner oder der Partnerin wird erst dann schlimm, wenn dabei Befürchtungen aktiviert werden wie «diese Partnerschaft wird nicht bestehen bleiben» und «das endet wieder wie beim letzten Mal» oder auch «er oder sie wird sich nie ändern». Dasselbe gilt beispielsweise auch dann, wenn wir in einer Prüfung schlecht abschneiden. In diesem Fall ist die einzelne schlechte Note oft kaum ein Problem, aber die Erwartung, dass weitere schlechte Noten folgen werden und wir die nächsten Prüfungen alle nicht bestehen können. Kurz gesagt: Erwartungen an andere oder an uns selbst bewahrheiten sich mit der Zeit, da sich unser Verhalten unwillkürlich nach ihnen ausrichtet.

Perfektionismus macht krank

Hohe Erwartungen und Perfektionismus werden oft als Synonyme gebraucht. In der Tat besteht ein enger Bezug der beiden Ausdrücke. Denn auch der ständige Drang nach Perfektionismus wird auf Dauer zur Belastungsprobe. Wir möchten unseren Erwartungen und jenen unseres Umfelds gerecht werden, «perfekt» sein. Studien haben sogar gezeigt, dass perfektionistisch veranlagte Menschen eher zu psychischen Erkrankungen neigen, da sie besonderen Druck verspüren, der wiederum durch hohe Erwartungen entsteht. In der Wissenschaft wird zwischen drei Arten des Perfektionismus unterschieden, die mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen zu tun haben.

Es wird unterschieden zwischen diesen drei Arten perfektionistischen Denkens:

Beim selbstgerichteten Perfektionismus stellt der Einzelne unrealistisch hohe Erwartungen an sich selbst

Im Falle des sozialen Perfektionismus glaubt die Person, ihre Umwelt – etwa die eigene Familie – hege extrem hohe Ansprüche ihr gegenüber

Die dritte Form des Perfektionismus richtet sich wiederum gegen das Umfeld: Der Einzelne erwartet übertrieben viel von seinen Mitmenschen. Psychologen sprechen vom aussengerichteten Perfektionismus.

Dabei sind Erwartungen eigentlich menschlich. Denn mit ihnen fühlen wir uns sicherer und beruhigen dadurch unsere Unsicherheit und Angst. Das ist laut Forschern ein ganz natürlicher Vorgang, den alle Menschen kennen. Tragisch wird es erst dann, wenn wir ständig enttäuscht sind, weil wir denken, all den Erwartungen nicht gerecht werden zu können. Dieser Frust führt zu Unzufriedenheit. Aber nicht nur der Perfektionismus steht uns oft im Weg, sondern auch die Erwartungen an unser Umfeld. Denn diese Haltung ist es, die uns schlussendlich unglücklich macht – oder noch schlimmer: einsam.

Erwartungen bestimmen die Dramaturgie

Woher kommen diese hohen Erwartungen? Wir glauben unser Leben müsste aufregender sein, als es ist. Wir glauben, wir müssten anders sein, als wir sind. Wir denken, wir müssen bestimmte Dinge erreichen. Wir müssten einen erfüllenden Beruf ausüben, erfolgreich im Studium sein, heiraten oder ein teures Auto besitzen. Die sozialen Medien tragen einen grossen Teil zu diesem Denken bei. Der ständige Vergleich mit anderen Individuen treibt uns nämlich an, ein aufregenderes oder gar besseres Leben als der andere anzustreben.

Genau dieser Vergleich ist Gift für uns. Denn wir verstellen uns, um andere nicht zu enttäuschen und uns besser zu fühlen. Kommt dir das bekannt vor? Du sagst oder tust etwas, nur um jemanden nicht zu enttäuschen oder du lachst über einen Witz, den du gar nicht witzig findest. Du suchst dir ziellose Beschäftigungen, nur um nicht den Eindruck zu erwecken, dass du langweilig oder faul bist.

Wer jetzt aber erwartet hat, dass Erwartungen nur schlecht sind für uns, wird leider enttäuscht. Denn wir brauchen Erwartungen! Wenn man von der Liebe nichts mehr erwartet, Geburtstage nicht mehr herbeisehnt, wenn der große Gleichmut herrscht und man den Highlights nicht mehr entgegenfiebert, fehlt doch die Dramaturgie im Leben: die Vorfreude und Überraschung, die Hoffnung und Ernüchterung, Spannung und Loslassen. Ein rundes Leben braucht Erwartung ebenso wie bewusste Nichterwartung.

 

Bildurheberin: Timea Hunkeler

Timea Hunkeler

Timea Hunkeler

Autorin

Ich schreibe fürs Brainstorm, weil es eine Plattform bietet, um auch mal Dinge auszuprobieren. Ich kann kreative Ideen in Form von Texten umsetzen und Themen ansprechen, die Menschen meiner Altersgruppe beschäftigen.