Reden wir über Freiheit, denken viele zuerst an die äussere Freiheit: an Gefängnisse, an Aufenthaltsbewilligungen. Doch was ist mit der inneren Freiheit, der Möglichkeit, sich selbst sein zu können und zu leben, wie man es möchte? Wer der LGBTQ+-Community angehört, weiss um die Wichtigkeit dieser Art von Freiheit.

«Warum hängst du denn mit diesen Lesben und Bi-Frauen rum?»
«Weil ich auch bi bin.»
«Ah, okay.»
Gefühlte 10 Sekunden Stille.
«Wer will noch Mayonnaise?»

So lief mein Outing in der engen Familie ab. Kein grosses Aufsehen, keine blöden Sprüche, kein ignorantes Nachfragen, keine Grundsatzdiskussion zur «Unnatürlichkeit» aller Sexualitäten ausser der heterosexuellen, und erst recht keine Argumente auf der religiösen Ebene. Solch ein reibungsloses Outing ist ein Privileg, und ich bin mir dessen sehr bewusst. Denn es ist eines, das viele aus der LGBTQ+-Community und deshalb auch einige meiner Freund/innen nicht hatten. Und jede/r davon ist eine/r zu viel. Das Spektrum reicht von kompletter Ignoranz über homophobe Aussagen wie «Das ist doch nur eine Phase» bis zum Ausschluss aus der Familie.

Mit Diskriminierung gegen Diskriminierung kämpfen
Solche Reaktionen zeigen mir immer wieder, dass wir leider noch lange nicht bei der gesellschaftlichen Gleichstellung angelangt sind. Wäre sie immerhin politisch erreicht, hätten wir bereits mehr Argumente – jedoch ist noch nicht einmal die Schweizer Gesetzeslage im Jahr 2019 angekommen. Ein Beispiel: Als dieser Artikel verfasst wurde, hatte der Ständerat – dem, soweit wir wissen, keine einzige Person aus der LGBTQ+-Community angehört – immerhin gerade erst der Erweiterung der Rassismus-Strafnorm um Diskriminierungen gegen LGB-Menschen zugestimmt. Und nein, es ist kein Tippfehler, dass hier einige Buchstaben fehlen: Eine Person aufgrund der Geschlechtsidentität zu beschimpfen, ist nämlich weiterhin legal. Der Ständerat sieht diese als zu wenig klar definiert an (Thomas Hefti: «es gibt keine klare Grenze für deren Umfang»), um Gerichte darüber entscheiden lassen zu können, ob sie angegriffen wurde oder nicht. Deshalb, und im Gegensatz zum Nationalrat, stimmte der Ständerat für eine Anti-Diskriminierungs-Strafnorm, die in sich schon wieder diskriminierend ist. Das ist, mit Verlaub, einfach Bullshit.

Nicht mein Ständerat
Ausserdem ignoriert diese Version der Strafnorm den Fakt, dass sich manche Personen sehr wohl auch mit mehreren unter LGBTQ+ laufenden Identitäten identifizieren können. Nur ein Beispiel: Eine lesbische Transfrau kann nun nach dem Willen des Ständerats gegen eine Beleidigung wie «scheiss Lesbe!» rechtlich vorgehen, aber nicht gegen «scheiss Transe!». Der Sinn dahinter ist nicht nur mir unklar, sondern dem allergrössten Teil der LGBTQ+-Community sowie vielen Allies (ein oder eine «ally» ist, wer die Community unterstützt, ihr aber selbst nicht angehört). Und natürlich auch den verschiedenen Schweizer LGBTQ+-Verbänden: Das Transgender Network Switzerland, die Lesbenorganisation Schweiz und der Schwulenverband Pink Cross reagierten mit Stellungnahmen, Medienmitteilungen sowie einem Hashtag-Aufschrei in den sozialen Medien. So fanden sich #notmyständerat und #pasmonconseildetat auch in meiner Instagram-Story wieder.

Die Schweiz hinkt hinterher
Doch Ungleichbehandlung von Menschen aus dem LGBTQ+-Spektrum gibt es natürlich nicht erst seit letztem November. Bestes, aber nicht einziges Beispiel: In der Schweiz dürfen nur heterosexuelle Paare heiraten. Ob und wann die Ehe für alle auch hier eingeführt wird, steht noch in den Sternen. Schaut man sich in Europa um, ist es gleichgeschlechtlichen Paaren unter anderem in Deutschland, Österreich und Holland bereits erlaubt zu heiraten. Die Schweiz, so modern, innovativ und fortschrittlich, wie sie sich gerne gibt, findet sich in direkter Nachbarschaft zu Staaten, die diese Werte wirklich umsetzen, anstatt nur darüber zu diskutieren.

Als Einwand hört man oft: «Die eingetragene Partnerschaft ist doch schon genug!» Da wären wir wieder bei der diskriminierenden Logik. Einer Minderheit etwas Kleines zu geben, um sie zu besänftigen, aber bloss nicht «all in» zu gehen, um niemanden zu verärgern: Das ist einfach heuchlerisch. Davon mal ganz abgesehen, unterscheidet sich die eingetragene Partnerschaft in einundzwanzig Punkten zur Ehe. Darunter finden sich Nachteile wie kein gemeinsamer Name und keine Möglichkeit zur erleichterten Einbürgerung. Die schwerwiegendsten sind allerdings der fehlende Zugang zur Fortpflanzungsmedizin (die ein unfruchtbares Heteropaar relativ problemlos in Anspruch nehmen kann) sowie die finanzielle Ungleichbehandlung: Stirbt eine Frau in einer eingetragenen Partnerschaft, hat die überlebende kein Anrecht auf eine Witwenrente (die eine verheiratete Frau erhält, wenn sie älter als 45 Jahre ist und die Ehe mindestens fünf Jahre gedauert hat). Liebe Schweiz: Es ist höchste Zeit für die Ehe für alle, und zwar mit denselben Rechten für alle!

«Überidealistisch»? Von mir aus
Ich bin Optimistin. Ich wünsche mir eine Welt, in der die Frage nach den Pronomen eines Menschen nicht mehr mit irritierten Blicken quittiert wird. In der Kindern keine Vorurteile gegenüber Menschen aus der LGBTQ+-Szene in die Wiege gelegt werden. In der die Schulen im Sexualkundeunterricht über das Spektrum an Sexualitäten aufklären und Verhinderung von Geschlechtskrankheiten auch bei queerem Sex zur Sprache bringen. Und nein, ich will keine dummen Fragen wie «Hast du denn jetzt was mit Frauen, weil es mit den Männern nicht geklappt hat?» oder «Aber wie habt ihr denn Sex?» mehr beantworten. (Übrigens: Wenn du als Hetero-Mann das Gefühl hast, zwei Frauen können keinen Sex haben, tun mir alle Frauen leid, mit denen du je geschlafen hast.) Ich will mir in Diskussionen nie mehr anhören müssen, ich sei doch eigentlich lesbisch und nicht bi. Niemand anderes definiert meine Sexualität als ich selbst. Ich will an keinem grossen Familienessen auf die Frage «Hast du einen Freund?» behaupten müssen, ich sei Single, nur weil mein Gegenüber erzkonservativ ist und ich an den Feiertagen keinen Streit vom Zaun brechen will. Niemand sollte Liebe verleugnen müssen. Ich will die Hand meiner Freundin halten können, ohne meine Umgebung halbbewusst nach angewiderten Blicken zu scannen. Niemand anderen als mich und sie hat das zu kümmern. Und ich will eines Tages heiraten können, ohne dass der Staat mich daran hindert.

Ein Experiment für Skeptiker und Neugierige
Und wenn du das Gefühl hast, ich übertreibe, dann nimm doch nächstes Mal, wenn du mit einem Kollegen oder einer Kollegin desselben Geschlechts wie du unterwegs bist, einfach seine oder ihre Hand und achte auf die Reaktionen. Ein Kommilitone von mir hat das mit seinem Bruder gemacht und hielt nur wenige Minuten durch, weil die Blicke einfach unerträglich waren. Wenn nur einige Ständeräte und Ständerätinnen (letztere sind übrigens ebenfalls deutlich untervertreten) solch ein Experiment auch mal machen würden, wären wir vielleicht schon einiges weiter.

Bildurheber: Mercedes Mehling, Unsplash