Abstrakte Formen, bunte Farben und exzentrische Künstler: Für den Laien ist die Kunstwelt oft so wunderlich wie faszinierend. Doch wer entscheidet eigentlich, was auf Instagram landet und was eines Museums würdig ist? Dem Brainstorm-Magazin hat David Schmidhauser, Kurator des Kunstmuseums Winterthur, genau diese Fragen beantwortet.

Vermutlich kennt es jeder: Immer wieder hört man in den Nachrichten von Kunstwerken, die zu Rekordpreisen verkauft werden und versucht, den Wert des Kunstwerkes nachzuvollziehen. Oft denkt man sich: «Das könnte ich doch auch!». Betrachtet man die bunten Werke von Mark Rothko oder Jackson Pollock, fühlt man sich in seinem Denken umso mehr bestätigt. Und – seien wir ehrlich – wer hatte diesen Gedanken beim Anblick von so manchem Werk des grossen Künstlers Picasso nicht?

Man nehme beispielsweise das Kunstwerk «White Center» von Rothko, ein Bild mit je einem gelben, einem schwarzen, einem weissen und einem rosa Balken, welches im Jahr 2007 für mehr als 70 Millionen Dollar bei Sotheby’s versteigert wurde. Die farbigen Balken auf rötlichem Hintergrund können noch so genau analysiert werden, sie scheinen einem nicht unmöglich, selbst zu gestalten. Warum sollte jemand Millionen dafür ausgeben? Und wer sagt eigentlich, dass das Bild so viel Wert ist? Ganz allgemein: Wer entscheidet, was Kunst ist?

Als ich mir nun im Rahmen des Themas Gedanken gemacht habe, gingen mir hauptsächlich zwei Fragen durch den Kopf. Denn es ist nicht nur die Frage «Wer entscheidet was Kunst ist?», sondern mit ihr unumstritten verbunden auch die Frage «Was ist Kunst?».

Auf der Suche nach Antworten

Was ist denn nun überhaupt Kunst? Dazu habe ich den Kurator des Kunstmuseums Winterthur, David Schmidhauser, befragt und aufschlussreiche Einblicke erhalten. Auf die Frage, wer denn entscheide, was Kunst eigentlich sei, gab er interessante Denkanstösse: «Zuerst ist es sicherlich der Künstler, der ein Kunstwerk kreiert und dieses als seine Arbeit oder eben als Kunst deklariert. Dann gibt es natürlich auch viele Leute, die sich professionell mit Kunst auseinandersetzen und an dieser Diskussion natürlich auch ihren Anteil haben, zumal sie Spezialisten sind.»

Der Kunstmarkt tue sein Übriges dazu, er nehme aber vor allem die Wertungen vor. Dort zeige sich eine Regel, die vielleicht auch ähnlich für die Deklarierung von Kunst anwendbar sei. «Ein Kunstwerk ist immer soviel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Und in dem Sinne ist ein Kunstwerk vielleicht dann eines, wenn sich Leute finden, die das als Kunst ansehen», erklärt Schmidhauser. Die Frage sei nun, wer und wie viele es von dieser Kunst braucht, denn letztlich sei es die Gesellschaft, die das für sich entscheiden müsse.

David Schmidhauser, Kurator im Kunstmuseum Winterthur (zVg)

Ist Graffiti Kunst?

Grundsätzlich, so Schmidhauser, sei es nicht schwierig, Kunst als solche zu benennen, denn ein Ölgemälde oder eine Skulptur sei in den allermeisten Fällen ein Kunstwerk – eine andere Frage sei dann, ob es ein gutes Kunstwerk sei. Spannend werde es dann, wenn es an die Grenzen gehe, ob beispielsweise Graffiti Kunst sei, was viele Leute verneinen würden. «Und gleichzeitig werden für Sprayereien von Banksy Millionen bezahlt. Ein gutes Beispiel ist auch Harald Nägeli, der im Grossmünster sprayen darf – aber nur auf einer vordefinierten Fläche – und in Deutschland Bussen bezahlt für seine Arbeiten.» Hier sei die Entscheidungsfindung sehr interessant und letztlich nicht zu beantworten.

«Eine ständig geführte Diskussion»

«Es kann sein, dass ein Kunsthistoriker ein Buch über einen Sprayer schreibt und diesen als Künstler bezeichnet, während ein Gericht ihn für Vandalismus bestraft. Darum eben muss es letztlich die Gesellschaft sein. Denn sie muss mit der Kunst einen Umgang finden.» Diese Prozesse würden sich über die Jahrhunderte verändern und seien nie abgeschlossen. «Es ist eine ständig geführte Diskussion.»

Auf die altbewährte Neigung moderne Kunst mit dem Vorwurf «mein Kind könnte das auch!» zu denunzieren, meinte er, dass das ein altbekannter Vorwurf sei und von einem konservativen Kunstverständnis ausgehe. «Oft hört man dann auch, dass Kunst vom Können kommt, was etymologisch zwar richtig ist, aber als einziges Kriterium natürlich nicht genügt.» Hier sei vielleicht ein Vergleich mit der Musik angebracht. «Sie können vielleicht ein Stück von Mozart oder Lady Gaga nachspielen, aber wertet das deren Fähigkeiten als Künstler ab, wenn man sie imitieren kann? Wohl kaum.» Es möge stereotypisch klingen, aber es sei wie beim Ei des Kolumbus: «Man muss erst einmal darauf kommen.» Ein Gemälde von Mondrian nachzumalen sei nicht schwierig, aber man könne nicht hundert Jahre zurück und die Malerei nochmals revolutionieren. Und anders herum könne ein Gemälde perfekt gemalt, aber trotzdem langweilig sein.

Die Funktion der Kunst

Da ich selber in meiner Freizeit gerne male und zeichne, fragte ich mich auch – selbstverständlich mit einer gewissen Ironie – warum ich denn nun keine berühmte Künstlerin bin? Warum kann ich nicht wie Salvador Dalí anno dazumal in ein Restaurant essen gehen und meine Rechnungen mit einer Skizze begleichen? Wäre doch praktisch als Studentin.

Und doch: Es muss festgelegt werden, dass ich die Malerei als Freizeitaktivität betreibe, um mich zu entspannen und schlicht auch einfach nur, weil es mir Spass macht. Es ist mir, folgernd aus diesem Gedanken, wichtig, dass Kunst an sich ihre Funktion erfüllen kann, denn ist das nicht der Sinn davon? Ihre Funktion bestimmen die Menschen selber. Und dies scheint mir das Schöne an der Kunst, die Tatsache, dass sie wandelfähig und individuell ist und nicht abhängig von äusseren Richtern. Es ist der Künstler selbst, der sein Werk als Kunst beurteilt und die Menschen, die ihm darin zustimmen.

Kunst ist kein Mittel zum Zweck

Denn die Kunst ist nicht nur dazu da, schön zu sein, nicht nur ein Konsumgut, sondern ein Kulturgut und auch ein Mittel zum Zweck. Heisst es nicht so schön «ars gratia artis», Kunst um der Kunst willen? Mal kann sie kritisieren, mal kann sie auf etwas Wichtiges, wie beispielsweise widrige Umstände, hinweisen. Aber auch einfach nur schön sein und dessen Urheber beim Prozess der Herstellung Freude bereiten.

Schliesslich stellt sich die Frage, was nun das Bild «White Center» von Rothko so teuer macht. Ist es die Ästhetik, oder bezahlt man gar für den Namen des berühmten Künstlers? Natürlich trifft beides zu. Neben dem schon Genannten gibt es meiner Ansicht nach aber noch einen anderen, wichtigen Faktor für diesen spezifischen Fall. Wenn man nämlich die Geschichte des Kunstwerkes liest, dann erkennt man die ausserordentliche Provenienz, sprich die Herkunft des Bildes. Das Werk war nicht nur für eine lange Zeit nicht käuflich, sondern gehörte vierzig Jahre lang David Rockefeller, Oberhaupt der Familie Rockefeller.

Als das Bild 2007 auf den Markt kam, war es die Katarische Königsfamilie, die dem Reiz nicht widerstehen konnte ein Bild zu besitzen, das einmal einem der bekanntesten Unternehmer der Neuzeit gehört hat. Sie sahen Rothkos Arbeit in diesem Fall als kostbare Kunst. Es war also nicht nur Rothko selbst, der sein Werk als Kunst bezeichnet hat, es waren andere Menschen, die bereit waren, dafür Geld auszugeben.

 

Bildurheber Titelbild: Pixabay

Esra Akdeniz

Esra Akdeniz

Autorin

Ich schreibe fürs Brainstorm, weil es mir eine Möglichkeit gibt, meinen Wissenshorizont zu erweitern und kreativ mit Sprache umzugehen.