«Jugend muss rebellieren»: Ein Satz, der bis in die 2000er-Jahre galt. Ausnahmslos jede Generation hatte ihre Jugendrebellen. Liest man Texte von und über diese Zeiten, ist von Drogenexzessen, Aufstand und Revolten die Rede. Und wir, die Generation Y? Nun, im Vergleich sind wir regelrechte Schlaftabletten.

Schon Sokrates wetterte über die Jugend, als wäre sie das Attest des Untergangs. Die Meinung über die Nachfolgegeneration war niemals positiv. Dasselbe gilt für die Berichte über unsere Generation Y. Zur Generation Y gehören grob gesagt alle, die zwischen den Jahren 1980 und 2000 geboren wurden. Zusammengefasst sind wir selbstverbliebt, beziehungsunfähig und rennen allem nach, was auf Social Media gerade Trend ist. Wenigstens seien wir brav, heisst es in einem Artikel. «Keine Zeit für Rebellion», steht da, «im medialen Mainstream gefangen.»

Moment mal. Wo sind die Drogen? Was ist mit der grässlichen Musik? Haben die ernsthaft «brav» geschrieben? Gemäss Tamara Erickson, Generationenforscherin und Wirtschaftsexpertin, wollen die sogenannten «Millenials» alles andere als rebellieren. Wie sie zum Magazin Personal-Schweiz sagte, habe die Generation Y das «Vertrauen in Autoritäten» wiedergefunden. Unsere Generation sei stark mit der Familie verbunden und sehe die Eltern als Vorbilder und Freunde an.

Gut, aber es ist auch schwierig, sich von Eltern abzugrenzen, die für alles Verständnis haben. Die Mutter kennt die besseren Bars als du, zieht sich modisch an und sagt Sachen wie: «Schau mal, was mir dieser Dude geschickt hat» – und meint damit eine SMS von deinem Onkel. Oder der Vater hört teuflisch gute Musik und wenn er dich beim Doobie-Drehen erwischt, fragt er lediglich ein wenig verstohlen, ob er mitrauchen darf. Unsere Eltern haben experimentiert, ausprobiert und was sie nicht kannten, wollten sie entdecken. Der gravierende Unterschied zu uns ist, dass wir unsere Wissenslücken anders füllen: Wir googeln.

 

Domestizierung durch Digitalisierung

Das Internet liefert uns immenses Wissen. Unsere Generation kann viele Vorteile daraus ziehen, doch leider macht es uns auch faul. Heute geht man oft nur noch aus dem Haus, um einen Ort zu sehen, den man im Vorherein via Street View erkundet hat. Hinreisen muss man aber schon, denn für den Instagram-Post reicht ein Selfie mit dem Laptop nicht.

Und das Haus verlassen, um sich politisch zu engagieren? Machen wir Millenialsschon. Aber viele auch nur, weil es zum guten Ton gehört – nicht mehr aus eigenem Leid. An einer Demo mitzulaufen ist lässig. mal so einen Pyro schmeissen und so. «Für wen machen wir das noch gleich? Ach ja, 1. Mai. Nein, von Gewerkschaften halt ich nicht so viel. Ist nicht wahr, du bist auch bei der FDP?»

Problematisch an der Digitalisierung und der damit verknüpften Vernetzung ist ausserdem, dass wir uns zunehmend in Filterblasen absondern. «Ein Fünftel der heute 18- bis 24-Jährigen bildet sich seine politische Meinung allein über soziale Medien im Internet, ohne jede andere Quelle. Die junge Generation informiert sich also im Netz, wobei es richtiger heissen muss: Oft informiert das Netz sie», schreibt «Zeit online» in einem Bericht. Ob Google oder Facebook: Wir erhalten die Informationen, die der Algorithmus für uns aufbereitet. Dadurch werden wir viel weniger mit anderen Weltansichten konfrontiert. Was geschieht: Wir bleiben einfältig, obwohl das Netz uns enormes Wissen bieten würde.

 

Selbstwahrnehmung vor Urteil

Doch all die Definitionen und Erörterungen zu und über unsere Generation werfen eine andere Frage auf: Wie definieren wir uns eigentlich selbst? Drei Personen haben mir Auskunft gegeben: Zwei Studierende und eine Dozentin, die sich täglich mit uns herumschlägt. Hier ihre selbst geschriebenen Statements:

 

 

«Wir sind überall und nirgends. Überall ist leicht zu verpassen, und nirgends? Nirgendwo eben. Ich denke, was unsere Generation fernhält vom Gegenwärtigen, sind die unendlichen Möglichkeiten, die uns antreiben und aufhalten zugleich. Natürlich gab es diese zahlreichen Lebenswege schon früher, aber durch das globale, digitale Netzwerk sind wir uns deren viel bewusster. Ich wundere mich immer wieder über den Streich, der mein Kopf mir spielt, indem er mich mit dem Gefühl infiziert, keine Zeit zu haben, weil ich ja Unendliches tun könnte. Könnte. Ich eifere absurden Ideen nach und erbaue weitere, weshalb die Augenblicke manchmal unbemerkt vergehen. Wir haben den Bezug zum Fundament des Lebens verloren, zur Erde und deren Bewohnern. Klar, jeder sehnt sich nach Aufgaben und will so seinem Dasein Sinn beilegen, die nackte Tatsache des simplen Bestehens abwenden. Doch zu leben ist, was es ist. Nicht mehr, und nicht weniger.»

Nina-Lou Frey, Studentin am IAM

 

«Will ich über die Gesellschaft schmunzeln, dann will ich Dylan und kein Meme. Ich suche keine Songs auf Spotify, ich respektiere das künstlerische Konzept eines Albums. Neue Musik finde ich über Anekdoten, nicht Algorithmen. Indie heisst Independant und ist eine Haltung und kein Majorlabel-Genre. Hip-Hop-DJs scratchen live von der Platte und nicht mit dem MacBook. Und Joy Division ist eine Band, kein Shirt bei Zalando. Kunst muss authentisch sein. Sie erfordert Zeit und Wissen. Als Nostalgiker sehe ich die Digitalisierung und den Kommerz kritisch. Doch es gibt nicht DIE dumme Generation. Die Revolution à la Hendrix ist bloss schwieriger geworden. Auch mit gutem Trap und Techno ist es schwieriger geworden zu schockieren – trotzdem sind diese genauso politisch, idealistisch und stilvoll. Auch diese Generation wird Grosses vollbringen!»

Jochen Wolf, Student am IAM

 

«Die heutige Jugend! Das Ausrufezeichen klingt wie ein leises Stöhnen, wenn es gewisse Leute sagen. Diese Millennials! Apolitisch, immer den eigenen Vorteil im Visier, ein wenig arbeitsscheu und trotzdem ziemlich ehrgeizig. Meinen diese Digital Natives im Ernst, die Welt warte auf sie? Und ob. Wir brauchen sie, diese Yler. Nicht nur für die Digitalisierung. Auch, weil sie Fragen stellen, von denen wir Letztjahrhunderter meinen, sie längst beantwortet zu haben. 40-Stunden-Woche, Ferienflugreisen, Fleischkonsum und Energieverbrauch: Für Millennials ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Auch wenn wir Alten gerne behaupten, diese jungen Leute meinten doch alle, die Milch komme aus dem Tetrapack und das Geld aus der Wand. Seit ich ein kleines Pensum an der ZHAW habe, mache ich mir etwas nicht mehr: Sorgen um die heutige Jugend.»

Susanne Loacker, Dozentin am IAM

 

Man kann eine Generation niemals als Ganzes definieren. Bei den meisten Generationenberichten geht es mehr um ein informiertes Raten als um eine generalisierende Definition. Denn in jeder «Zeitdiagnose» finden sich auch entkräftende Gegenbeispiele. Was man aber sehr wohl kann, ist, ein gemeinsames Schicksal zu finden – und das ist bei uns die Digitalisierung. Diese führt nun mal in grossen Teilen dazu, dass wir Unterhaltung vor Inhalt stellen – sei das in den News, der Musik oder der Gesellschaft.

Ich selbst bin froh, zur Generation Y zu gehören. Wir sind technikaffin, Frauen sind dank rebellischer Vorarbeit selbstbestimmter und wir nehmen unsere psychische Gesundheit genauso ernst wie unsere physische. Die Millenials haben auch erkannt, dass Alleinsein manchmal besser ist, als einer kaputten Beziehung gerecht zu werden. Doch wie wir in den einen Bereichen toleranter geworden sind, werden wir in anderen konservativer. Ich für meinen Teil tendiere etwa dazu, immer privater zu werden und Social Media nur noch als «Beobachtungskanal» zu verwenden. Ich verstehe auch alle, die gar nicht mehr auf Social Media sein wollen. Und in meinem Freundeskreis sind das schon einige. Vielleicht ist das auch die nächste Bewegung: Nach dem Hype kommt «der Graben der Dellusion» (Zitat aus der Journalistik-Vorlesung). Quasi die Auflehnung gegen das Omnipräsente – klingt wie der Titel einer Revolution.

 

Bildurheber: zVg