Das Projekt «Afghanistanhilfe» setzt sich die lokalen Bedürfnisse des kriegsgebeutelten Landes ein. Student Thomas Achermann ist freiwilliger Mitarbeiter und erzählt im Interview von seiner Arbeit. 

Thomas Achermann ist neben seinem Teilzeitstudium für soziale Arbeit an der ZHAW freiwilliger Mitarbeiter bei der Afghanistanhilfe Schaffhausen. Das von Vreni Frauenfelder 1988 gegründete Hilfswerk setzt sich in Zusammenarbeit mit der afghanischen NGO «Shuhada» für zahlreiche Projekte ein. Neue Schulen, Spitäler und Frauenzentren: Die Afghanistanhilfe hat es sich zum Ziel gesetzt, auf die lokalen Bedürfnisse einzugehen. Während mehreren Reisen nach Afghanistan hat Thomas Achermann die schönen und die tragischen Seiten des Landes gesehen. Im Interview teilt er seine Erfahrungen. 

Thomas, du arbeitest ehrenamtlich neben dem Studium für die Afghanistanhilfe und warst schon mehrmals vor Ort. Was machst du, wenn du in Afghanistan bist? 
Ich war vorher Pfleger und die Afghanistanhilfe hat ein grosses Spital in einer abgelegenen Provinz. Der Präsident Michael Kunz kommt aus der Kommunikation und darum gehe ich ab und zu runter, um im Spital zu sehen, was da so läuft, wo man investieren muss, etc. 
Ich bin auch mal für zwei Monate da gewesen, konnte aber gar nicht ins Spital, weil die Strassen nicht befahrbar waren. Aus Sicherheitsgründen bin ich dann in Bamiyan geblieben. Das ist dort, wo die in den Felsen gehauenen Buddhas waren, bevor die Taliban sie zerstört haben. Dort gibt es ein Waisenhaus von der Afghanistanhilfe, in welchem ich dann Englisch unterrichtet und für die Jüngeren das Unterhaltungsprogramm gemacht habe. 

Und was machst du für die Afghanistanhilfe, wenn du hier bist? 
Ich organisiere Feste (lacht). Nein, zum Beispiel die Becher-Sammelaktion, die haben wir von einer anderen NGO abgeschaut, das ist kein Geheimnis. Sie sammeln Depotbecher für Trinkwasser, wir sammeln Depotbecher für Waisenkinder. Ausserdem organisiere ich die Helferfeste für unsere ungefähr 30 Freiwilligen und helfe bei Vorträgen mit. Jeder bei uns macht das ehrenamtlich und trägt seinen Teil dazu bei. 

«Das grösste Problem ist wirklich die korrupte Regierung.»

Hierzulande wissen ja nur noch die wenigsten, was dort geschieht. Was ist überhaupt das Problem? Sind es effektiv nur die Taliban, ethnische Spannungen, eine korrupte Regierung oder einfach die Tatsache, dass die meisten Menschen dort nur Konflikt kennen? 
Das grösste Problem ist wirklich die korrupte Regierung. Die Gründerin unserer Partnerorganisation «Shuhada», Sima Samar, hat mich mal gefragt: Wie kann das Volk hinter dem System stehen, wenn es vom Staat verarscht wird? Und wenn man keine soziale Sicherheit vom Staat erhält, weshalb sollte man dann etwas für den Staat machen? 
Die Korruption ist sogar in den Hilfsorganisationen präsent. Einmal hat uns die «Shuhada» erzählt, dass sie von einer grossen Hilfsorganisation einen Auftrag bekommen haben. «Macht uns einen Vorschlag für einen Workshop zu Korruption.» Dann haben sie einen Vorschlag eingereicht, aber die drei Vertreter der geldgebenden Organisation meinten dann, die Spesen für sie seien 20’000 Dollar, das müsste in den Finanzplan aufgenommen werden. Diese «Spesen» haben sie dann nicht eingetragen und die Hilfsarbeiter sind schliesslich entlarvt und entlassen worden. 

Woher stammt dieses korrupte Denken? Eine Reaktion auf den Krieg?
Jeder versucht, seinen Teil vom Kuchen abzuschneiden. Ein gutes Beispiel sind die Wohnungspreise. 2001 kamen viele NGOs nach Kabul. Alle brauchten Büros, Hotels, Essen… Die Mietpriese sind in die Höhe geschnellt. Dolmetschern und Ärzten wurden plötzlich massiv zu hohe Löhne bezahlt, die sie natürlich auch dankend angenommen haben. Das Geld ist also schon da, es ist einfach schlecht verteilt. 

«Die ganze Situation ist so komplex, da können auch wir als Afghanistanhilfe nicht viel machen.»

Die Lage in Afghanistan hat sich in letzter Zeit wieder verschlechtert. Ist es nicht frustrierend, wenn man nicht sieht, wie sich die Situation verbessert? 
Ich erfreue mich an kleinen Geschichten. Wie zum Beispiel, als ich 2014 für sechs Waisenkinder Englisch unterrichtet habe. Als ich 2017 wieder nach Afghanistan bin, wollte ich wissen, was aus ihnen geworden ist. Die Kinder dort haben mir erzählt, dass zwei der Mädchen in Istanbul die Polizeischule machen konnten und jetzt bei der Polizei in Kabul arbeiten. Eine andere ist von der amerikanischen Universität in Kabul angenommen worden, wieder einer durfte ein halbes Jahr in China studieren. Die ganze Situation ist so komplex, da können auch wir als Afghanistanhilfe nicht viel machen und das ist eben auch der Spirit von Vreni Frauenfelder: Schau, was du machen kannst, und am Rest kannst du nicht viel ändern. 

Wie arbeitet ihr denn mit der «Shuhada» vor Ort genau zusammen? 
Sie stehen in Kontakt mit der Bevölkerung, die ihnen Projekte vorschlägt. Wir besprechen uns dann mit der «Shuhada» am Schluss der Projektreise und finden heraus, welche dieser Projekte realisiert werden können. Wir schauen dann für die Spenden in der Schweiz. Aber die ganze Umsetzung liegt bei der «Shuhada». 

Gibt es nie Konflikte, wenn man als europäische NGO mit westlichen Moralvorstellungen nach Afghanistan kommt und die lokale Bevölkerung «bekehren» will? Beispielsweise in der Frauenrechtsthematik? 
Wir nehmen lokale Ideen entgegen, auch so ein Frauenprojekt war ein Vorschlag von lokalen Frauen.  
Aber was genau in den Frauenzentren unterrichtet wird, darauf haben wir wenig Einfluss. Sie zeigen uns dann zwar Pläne, wir gehen vorbei und bekommen halbjährlich einen Rapport. Schlussendlich stellen wir eigentlich nur die Infrastruktur zur Verfügung, der Rest ist dann der «Shuhada» überlassen. 

«Uns beeinflussen die Taliban vor allem bei unserem Reiseweg, wenn wir mal nicht aus einer Unterkunft können oder die Reise umplanen müssen.»

Eure Partnerorganisation hat auch schon mit den Taliban verhandelt, um ein Spital in ihrem Territorium in Betrieb zu halten. Kann das nicht problematisch werden, wenn man mit solchen Gruppen zusammenarbeitet? 
Es ist in dem Sinn keine Zusammenarbeit, sondern es geht darum, dass dort ein Spital für die Bevölkerung offenbleibt. Wir sind für die Bevölkerung in der Not da. Egal, ob das jetzt ein Taliban ist oder ein Hazara. Uns ist es wichtig zu vermitteln, sodass im Spital alle gleich behandelt werden, egal von welcher Ethnie. Um direkte Verhandlungen kümmert sich unsere Partnerorganisation «Shuhada». Uns beeinflussen die Taliban vor allem bei unserem Reiseweg, wenn wir mal nicht aus einer Unterkunft können oder die Reise umplanen müssen.

Was war für dich das eindrücklichste Erlebnis in Afghanistan? 
Das Eindrücklichste für mich ist, wie die Menschen dort mit Problemen umgehen. Die Hindernisse sind uns so fremd, aber es ist faszinierend zu sehen, wie sie diese mit den einfachsten Mitteln lösen. Es geht zum Beispiel relativ lange, eine neue Klinik oder ein Schulhaus zu bauen. Ich sprach mit den Verantwortlichen dort und sie meinten, dass man kein Zement für den Bau habe, weil die Grenze geschlossen sei, da die Taliban in der Nähe von Pakistan einen Lastwagen überfallen haben. Dann haben sie eben einen Steinbruch eröffnet und sich gedacht: Bis das Material kommt, schlagen wir es lieber selbst aus der Wand. Und dann haben sie eben aus schönem weissem Marmor die Schule dort gebaut. 

Viele Flüchtlinge, die nach Europa kommen, haben mit Depressionen und einem generellen Gefühl der Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Wie sieht das am Beispiel Afghanistan aus? 
Die Hauptstadt Kabul hat eine sehr grosse, offene Drogenszene. Das ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen dieser Perspektivlosigkeit. Kabul und auch andere Regionen werden von den meisten NGOs gar nicht beachtet. Wir haben mit unserer Arbeit bewusst in der Daykondi-Region angefangen, die völlig vergessen worden ist. Es sind viele nach Bamiyan und Herat. Da merkt man den Unterschied zwischen diesen und den vernachlässigten Gebieten, weil es dort beispielsweise einfach keine Infrastruktur gibt. 

Was ist dir bei dieser Thematik ein besonderes Anliegen? 
Wir versuchen uns von der Politik zu distanzieren, da wir viel im Hazara-Gebiet arbeiten, aber auch anderen Ethnien helfen wollen. Wir haben jetzt zwei Projekte ausserhalb des Hazara-Territoriums gefunden, können diese jedoch nicht besuchen, weil es zu unsicher ist. Wir wollen wirklich für alle da sein. Unser grosses Spital ist das beste Beispiel. Der Chefarzt dort sagt: Ist mir egal, wer an meine Türe klopft, ich bin da. Und das Schöne daran ist, der Chefarzt ist Hazara und der Chef-Operateur ist Paschtune. Das heisst, sie sind zwangsläufig voneinander abhängig. Sie müssen also zusammenarbeiten, gehen dabei als Vorbild für alle anderen Mitarbeiter voran und zeigen, dass es eben funktionieren kann.  

Für mehr Informationen, Vorschläge für Projekte oder Spenden: www.afghanistanhilfe.org. 

Bildurheber: Thomas Achermann