Zu entscheiden bereitet uns Mühe. Besonders wenn wir glauben, dass die Auswirkungen umfassend sind. Wie entscheidet man also richtig? Und gibt es richtig und falsch überhaupt? Im Interview mit dem Brainstorm Magazin gibt Philosoph und Mentalcoach Diego De Nicola Einblicke in unser Bewusstsein. 

Links oder rechts wischen – innert Sekunden entscheidet mein Hirn, welcher Partner in Frage kommt für eine mögliche Familienplanung. Natürlich dauert es bis dahin noch etwas. Aber wie weiss ich denn, wer der Richtige ist? In meinem Kopf gehen die Szenarien los: Mit Date A würde ich vermutlich ein Haus am See haben, zwei Kinder, Teilzeit arbeiten und jeden Sommer ans Meer fliegen. Date B wäre viel abenteuerlicher – bestimmt würden wir jahrelang durch Indien backpacken. Und mit Date C führe ich mental schon eine Fernbeziehung, mache Karriere und habe einen kleinen Chihuahua namens Gucci.

Die Angst vor der Angst

Als Grundlage für unsere Entscheidungen dienen ihre möglichen Folgen, haben Forscher bewiesen. Das nennen sie dann «affektive Prognosen», welche zwar in der Theorie sinnvoll sind, jedoch in der Praxis unrealistisch. Mit den meisten unserer Zukunftsprognosen liegen wir nämlich falsch. Eine gute Schulnote macht uns nicht massiv glücklicher, eine Trennung ist nicht das Ende. Psychologe Daniel Gilbert von der Harvard University fasst zusammen: «Die Folgen der meisten Ereignisse sind kurzlebiger und weniger intensiv, als die meisten Leute meinen.»  

Mehr Kind, weniger Kopf 

Doch was meint der Entscheidungsprofi? Diego De Nicola ist Philosoph und coacht Menschen, damit sie die optimalen Entscheidungen treffen, um das bestmöglichste aus ihrem Leben zu machen. 

Diego’s Leitsatz ist: «Ad finem et ultra – Bis zur Ziellinie und drüber hinaus.»  (Bildurheber: Diego De Nicola / Rachel Fassbind)

Denn wahre Erfüllung beginnt für ihn da, wo Erfolg mit Lebendigkeit verknüpft wird. Der 31-Jährige hat Philosophie und Wirtschaft studiert, drei Kinder und bereits mehr als sieben Ironman gemeistert. Mehr Infos gibt’s unter athleticsocrates.com.

Brainstorm: Herr De Nicola, wie weiss man, ob etwas richtig oder falsch ist? 
Diego De Nicola: Die Antwort liegt in der Frage. Solange man verunsichert ist, hinterfragt man Situationen. Doch bei einer bewussten Entscheidung vertraut man dem Ergebnis. 

Was hilft uns denn, eine Entscheidung zu treffen? 
Meist können wir dem ersten Impuls folgen. Dieser ist eine Kombination von allen Eindrücken und Bedürfnissen, die sich im Unterbewusstsein abspeichern. Unsere erste Reaktion ist oft instinktiv die Richtige.  

Doch wissen wir je tatsächlich, ob etwas das «Richtige» war?  
Es gibt zwei Gründe, warum wir das nie garantiert wissen werden: Erstens haben wir nie alle Angaben über eine Sachlage. Selbst wenn wir heute einfacher Zugang zu Informationen haben, kennen wir nicht alle Faktoren. Das führt zum zweiten Punkt: Wir können nie alternative Möglichkeiten erfahren. «Was wäre, wenn» existiert also nicht. Das einzig real erlebbare ist der Moment der Entscheidungstreffung. Wir beurteilen das jeweils nach unseren aktuellen Gefühlen. Der Effekt einer Entscheidung ist verknüpft mit allen weiteren Erlebnissen.  

«Beispiel Karriere: Ich bin unglücklich mit meinem Job, kündige, komme dadurch in finanzielle Schieflage, muss mein Auto verkaufen und denke: Falscher Entscheid. Doch dann, 6 Monate später, verändere ich mich und erhalte ein Jobangebot in einer ganz anderen Branche. Dankbar nehme ich das Angebot an. Dort entdecke ich weitere Talente von mir und mache eine erfolgreiche Karriere, welche mich auch erfüllt. Ich denke: Richtiger Entscheid. Doch wann ist diese Anreihung an Ereignissen, welche sich aus diesem Entscheid ergeben haben, tatsächlich abgeschlossen?» 

Würden Sie rückblickend gewisse Dinge in Ihrem Leben anders machen? 
Jede Erfahrung hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich jetzt bin. Damit bin ich sehr glücklich. Jedoch würde ich meinem jüngeren Selbst doch einen Tipp geben: Sei mutiger, experimentiere mehr, wage etwas. Bis ich zu studieren begann, war ich ein ganz anderer Mensch. Ich war introvertiert und schüchtern. Heute gebe ich Seminare vor mehreren hundert Menschen. Zu Beginn hat es mich extrem viel Überwindung gekostet, aus der Komfortzone auszubrechen.  

Wie bricht man denn aus?  
Wir sollten uns Kinder als Vorbild nehmen! Sie stellen Fragen, sind unvoreingenommen interessiert und lernen spielerisch mehr. Das bringt sie weiter. Sie beginnen die Welt auf ihre Art und Weise zu verstehen und sehen, wo noch optimiert werden könnte. Daraus schaffen sie dann kreative Lösungen. Neugier ist der erste Schritt zur Eigenständigkeit. Mut der nächste.  

Weshalb Mut? 
Um einen Weg einzuschlagen, den noch niemand gegangen ist, braucht es eine Mischung aus Integrität und Risikobereitschaft. Denn auf dieser Route gibt es weder Fussspuren oder Wegweiser zur Orientierung. Das ist wie eine Entdeckungsreise. Dabei suchen wir unseren Weg und werden immer mehr zu der Person, die wir eigentlich sein wollen. Jeder findet so gewisse Bereiche, in denen er anders ist. In der Gesellschaft können wir viel mehr mitwirken, wenn wir Individualismus ausleben und uns nicht einer vorgegebenen Norm anpassen. 

Und zuletzt: Was ist Ihr Geheimnis für ein gutes Leben? 
Ein wertvolles Leben besteht aus einzelnen Momenten, an die man mit Freude zurückdenkt. Diese Augenblicke will ich so besonders und aktiv gestalten wie möglich. Deshalb treffe ich Entscheidungen so, dass ich bewusst Erinnerungen für später schaffe. Dabei will ich erfüllt sein und mich lebendig fühlen.  

Leben für das angenehme Gefühl. 

«Ja nichts falsch machen», sagt unser innerer Schweinehund, weshalb unser Unterbewusstsein direkt überprüft, wie wir die Situation am besten einordnen können. Wir berufen uns auf Lebenserfahrungen, welche in der Grosshirnrinde abgelegt sind und sich mit dem limbischen System abgleichen. Das ist unsere Gefühlsebene. Innert Sekunden schätzen wir ab, ob uns etwas Ähnliches schon mal wiederfahren ist und ob es gut war. Erkennen wir ein wiederkehrendes Element, sind wir glücklich. Dafür ist das Hormon Dopamin zuständig. Wir belohnen uns selbst für die Einschätzung. Psychologen der Universität Saarland haben herausgefunden, dass vertrautere Alternativen sicherer wirken, auch wenn sie rational nicht viel Sinn machen.  

Obwohl die Wissenschaft lange der Ansicht war, Menschen handeln sachlich, konnte dies nun widerlegt werden. Beispiele wie die Wirtschaftskrise 2008 zeigen, dass es so etwas wie den Homo Oeconomicus gar nicht gibt und wir selten vernünftig entscheiden. Trotz Empfehlungen von Experten verhielt sich damals praktisch niemand antizyklisch. Die Neurobiologie weiss: Emotionen sind die Ursache. Besonders Gier, Lust, Angst und Panik benebeln unsere Sinne, genau wie in der Steinzeit. Verluste, ob in der Wildnis oder der Wall Street, haben auf uns denselben Effekt. Dabei wird die Amygdala aktiviert, also der Teil des limbischen Systems im Gehirn, welcher für emotionale Bewertungen zuständig ist. Diese Gefahreneinschätzung sendet dann ein SOS aus, das rationales Denken verunmöglicht.  

Dieser Prozess kostet uns viel Energie. Das ist sogar messbar. In der Psychologie spricht man vom «psychischen Immunsystem». Das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben, ist ein enormer Kraftverlust. Wir bereuen das am meisten, was wir nicht erlebt haben. Also lass die Würfel fallen – denn alles ist einfacher, als ratlos zu sein. 

Tipps von unserer Autorin

Falls man etwas Unterstützung braucht bei der Auswahl: Mit diesen Methoden trifft man Entscheidungen effektiv und schnell. Vom Münzwurf, der guten alten Pro- und Contra-Liste (Tipp: Argumente gewichten) bis hin zu der Variante, bei drei Optionen strikt die Zweite zu wählen: Eigentlich wäre das Entscheidungen treffen gar nicht so schwer. Auch die 5-5-5 Variante ist ganz solide. Dabei fragt man sich jeweils, wie man sich wohl mit der Entscheidung in fünf Minuten, fünf Monaten und fünf Jahren fühlt. Im besten Fall traut man jedoch immer der Intuition, der erste Impuls liegt schliesslich meist richtig. Oder man schläft mal eine Nacht drüber. Erholt treffen wir definitiv eine bessere Wahl.